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Schnell, schneller, Fast Fashion. Wir denken nach über ein Phänomen und laden ein zur Kleidertauschparty

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40 % unserer Kleidung, besagt die Greenpeace Studie „Wegwerfware Kleidung“, tragen wir selten oder nie. Die Produktion einer einzigen Jeans verbraucht 7000 Liter Wasser. Dabei sind die Arbeitsbedingungen, unter denen Menschen in Billiglohnländern unsere Kleidung herstellen, unverändert katastrophal, die für Färbung und „Veredelung“ von Stoffen verwendeten Chemikalien nicht selten giftig.  Deshalb lädt Quartier Zukunft euch ein zur 2. Kleidertauschparty – am 19. März 2016 im Zukunftsraum.

„Es war richtig, richtig cool. Ich hab‘ so viel eingekauft. Das ist so unnormal!“ ruft Youtube-Star Dagmara Ochmanczyk, alias Dagi Bee, begeistert in die Kamera. Vier Tüten Primark-Klamotten, erfährt man, hat sie gerade nach Hause geschleppt. Was „Dagi Bee“ da tut, nennt sich „Hauling“ und bezeichnet den anhaltenden Trend, nach dem Shopping auf Youtube-Kanälen seine „Beute“ zu präsentieren: Hosen, Tops, Shirts, Socken, Turnschuhe, Pumps und Kosmetikartikel werden in die Kamera gehalten, ihre Vorzüge gepriesen, Preise und Bezugsquellen genannt. Über 2,5 Millionen Abonnenten, vor allem junge Mädchen, verfolgen Dagi Bees Konsum-Kino auf Youtube.

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Fast Fashion, das heißt bis zu vierundzwanzig Kollektionen im Jahr

Auch in der Fabrik Rana Plaza, bei deren Einsturz vor drei Jahren 1130 Menschen ums Leben kamen, arbeiteten die NäherInnen für Primark und andere Textilriesen, deren Kleidung in Deutschland en masse verkauft wird. Kleidung, die längst nicht mehr produziert wird, um zwei, drei, vier Jahre lang getragen zu werden, sondern die nahezu wochenweise ausgetauscht wird. Schnell, schneller, Fast Fashion: Statt wie früher üblich mit zwei Kollektionen pro Jahr an die KundInnen heranzutreten, präsentieren etwa H&M, Primark, Zara und die anderen Bigplayer am Markt von Januar bis Dezember bis zu 24 Kollektionen. Ein Wandel, der sich auch in Textilmüll messen lässt und bei den Briten als der sogenannte „Primark-Effekt“ Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden hat. So fielen 2014 auch in Deutschland 21 Tonnen mehr Kleidungsabfall an als zehn Jahre zuvor.

Das Spiel mit der Zugehörigkeit – und dem Einzigartigsein

Na klar, Mode lebt von Veränderung, nein, ist Veränderung. Es geht hier weniger um Funktionalität oder Schönheit als um eine Art Modellierung des Ichs, in deren Zuge eine Bluse nicht bloß eine Bluse, eine Leggings mehr als ein wärmendes Beinkleid ist. Das ist kein neues Phänomen, denn der Philosoph und Soziologe Georg Simmel beobachtete schon 1905 in seiner „Philosophie der Mode“: „So hässliche und widrige Dinge sind manchmal modern, als wollte die Mode ihre Macht gerade dadurch zeigen, dass wir ihretwegen das Abscheulichste auf uns nehmen.“ Die Dinge sind keine Dinge mehr, werden kulturell aufgeladen, statten den Träger oder die Trägerin mit Bedeutung aus. Tatsächlich geht es um nicht weniger als ein faszinierendes Spiel im Spannungsfeld zwischen Zugehörigkeit und Einzigartigsein. So recht aussteigen kann da übrigens keiner. Den „Verein der Vereinsgegner“ nannte Simmel in diesem Sinne jene Leute, die nicht mitmachen wollen, und eben dadurch schon längst wieder ihre eigene „Mode“ kreiert haben. Alleine archaische Gemeinschaften und Diktaturen zeichneten sich dadurch aus, keine Mode zu kennen.

Vom freien Spiel mit den Dingen in die Diktatur der Dinge?

Mode als kreatives Mittel, sich selbst ausdrücken, ist also durchaus auch ein Ausdruck von Freiheit, von Selbstverortung, von Spiel. Der kritische Moment ist für Petra Leutner, Professorin für Modetheorie und Ästhetik an der AMD in Hamburg aber jener, in dem in einer hyperkonsumistischen Gesellschaft die Bewegung von einem Must-have zum nächsten zum Zwang wird. Und das System der Mode zum „unentrinnbaren Handlungskorsett“ für den „neuen Menschtypus Verbraucher”. Kurz gesagt: An diesem Punkt spielen wir nicht mehr mit den Dingen, sondern die Dinge mit uns. Das Regiment der Dinge hat sich zur Diktatur formiert.

Kleidertausch statt Kleiderkonsum

Fast Fashion zu kontern, indem wir auf Secondhand, Gebrauchtes, von anderen Verschmähtes zurückgreifen, macht Sinn, denn in Zeiten des Überflusses finden wir alle Dinge in unseren Kleiderschränken, die nicht mehr passen oder gefallen. Auch das Prinzip Kleidertausch setzt genau hier an und fängt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Es kann mit Mode experimentiert werden, während die eigenen „Schrankleichen“ nicht im Müll landen – oder im Kleidercontainer. Je nach Anbieter wird diese „Kleiderspende“ nämlich nicht an Bedürftige vor Ort weitergegeben, sondern in den globalen Süden oder nach Osteuropa exportiert und zerstört dort die heimischen Textilmärkte. Eine Kleidertauschparty ist da die bessere Möglichkeit; Klamotten, die man selbst nicht mehr trägt, können für andere Menschen zu neuen Lieblingsstücken werden. Konsumfallen lauern aber auch hier. Verleitet das Wissen, dass die nächste Kleidertauschparty vor der Tür steht uns am Ende dazu, ein Schnäppchen im Klamottenladen mitzunehmen, von dem wir nicht sicher sind, dass wir es wirklich brauchen…? Schließlich wird sich doch sonst bestimmt bei der nächsten Kleidertauschparty jemand finden lassen, der sich über dieses Kleidungsstück sehr freut…? Auch hier steht im Raum: Wie viel Kleidung brauche ich? Wie viel Zeit sollte ich auf mein Äußeres und Mode verwenden? Was macht mich eigentlich zufrieden?

Einladung zur Kleidertauschparty im Zukunftsraum

Und dennoch: Kleidertauschpartys im Quartier machen Spaß, sind gemeinschaftsstiftend und die fast neue, aber zu eng oder weit gewordene Hose sollte eine neue Besitzerin finden. All das sind Aspekte von Nachhaltigkeit. Bei Quartier Zukunft funktioniert das Ganze dann nicht nach dem Eins-zu-Eins-Prinzip, bei dem ein T-Shirt gegen einen Rock getauscht wird, sondern eher à la Schlaraffenland. Alle breiten alles aus – genommen wird, was gefällt und passt. Mit dem Ziel, möglichst wenig übrig zu behalten.

Wir laden euch also herzlich dazu ein, Klamotten zu tauschen, Spaß zu haben, Kuchen, Kekse und Quiche zu essen, zusammen zu sein! Ein kleiner Beitrag zum Mitbringbuffet ist herzlich willkommen.

Wann: Samstag, 19. März 2016, ab 15:00 Uhr

Wo: Im Zukunftsraum für Nachhaltigkeit und Wissenschaft, Rintheimer Str. 46, 76131 Karlsruhe

 

Greenpeace-Umfrage „Wegwerfware Kleidung“ aus 2015

Prof. Dr. phil. Petra Leutner über die Mode und das Regiment der Dinge

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